Der Begriff „sozialer Habitus“

Oft ist er uns selbst gar nicht genau bewusst, aber er ist uns sozusagen „eingeschrieben“ und bestimmt, wie wir uns geben und wo wir im sozialen Gefüge stehen. Die Rede ist vom sozialen Habitus. Der französische Soziologe und Sozialphilosoph Pierre Bourdieu hat diesen sozialen Habitus über Jahrzehnte in zahlreichen Sozialstudien untersucht. Eines seiner bekanntesten Werke ist „Das Elend der Welt“, was etliche Interviews mit Menschen unterschiedlicher sozialer Felder umfasst. Nach Bourdieu wird der soziale Habitus einer Person bestimmt durch die ihr zur Verfügung stehenden Kapitalarten und das damit verbundene Kapitalvolumen. Man könnte sagen, unser sozialer Habitus ist in uns angelegt und weist uns unseren Platz und Sinn in der Gesellschaft zu. Er ist uns zwar nicht angeboren, wird uns aber durch das soziale Umfeld, in das wir hineingeboren werden, vorgegeben und von uns durch Affektsozialisation nach und nach angeeignet.

Wie ökonomisches und kulturelles Kapital uns ausstatten

Wir alle sind in dem sozialen Feld, in dem wir uns bewegen, mit einem unterschiedlichen Volumen an Kapital ausgestattet. Bourdieu hat den Begriff des ökonomischen Kapitals erweitert um die Arten des kulturellen, sozialen und symbolischen Kapitals.

Ökonomisches Kapital ist uns allen bekannt. Es umfasst alle materiellen Güter wie Geld, Vermögen, Eigentum und Gehalt. Kulturelles Kapital beschreibt alles Verinnerlichte in Form von Bildung, darüber hinaus Güter wie Bilder, Bücher oder Instrumente sowie erworbene Titel. Je mehr ökonomisches Kapital und Zeit zur Verfügung stehen, desto mehr kulturelles Kapital kann theoretisch erworben werden.

Soziales Kapital – das altbekannte „Vitamin B“

Soziale Beziehungen und Zugehörigkeiten zu bestimmten Gruppen werden als soziales Kapital bezeichnet. Es umfasst alle Netzwerke, in die wir eingebunden sind. Dabei geht es um die Zugehörigkeit zur selben Klasse, Familie oder zum selben Verein. Die Qualität der Sozialbeziehungen, die einem Individuum einen unmittelbaren Vorteil versprechen, ist abhängig von der Erweiterung seines sozialen Netzwerkes und auch vom Umfang seines ökonomischen, kulturellen und symbolischen Kapitals. Durch die Aufwendung von Zeit und nicht selten auch Geld muss immer wieder in die Aufrechterhaltung dieser Beziehungsnetzwerke investiert werden. So ziemlich jede*r weiß, was mit „Vitamin B“ gemeint ist.

Symbolisches Kapital – das Streben nach Prestige, Anerkennung und Status

Die wohl am besten „verschleierte“ Kapitalform ist die des symbolischen Kapitals. Das symbolische Kapital definiert sich über Ansehen und Anerkennung, das Prestige einer Person, das ihr durch ihre Umwelt zuteil wird und ihr somit eine Daseinsberechtigung verleiht. Wer nach sozialer Anerkennung und Ansehen strebt, hat (indirekt) auch ein Bedürfnis nach Macht. Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital tendieren dazu als symbolisches Kapital zu funktionieren. Die drei anderen Kapitalarten werden mehr oder weniger durch das symbolische Kapital legitimiert und gestärkt. Je anerkannter eine Person ist, d. h. je mehr Charisma und damit verbunden Macht ihr zugestanden wird, desto mehr Einfluss hat sie auf andere.

Was der soziale Habitus mit uns macht

Was bedeutet diese Kapitallogik für unser Leben? Wie beeinflusst sie uns und unser Handeln? Bourdieu geht davon aus, dass der uns inkorporierte Habitus wenig veränderlich ist, dass wir die uns vorgegebenen innerfamiliären und Rollen und gesellschaftlichen Positionen nur schwer verlassen und verändern können. Ich denke, die Theorie Bourdieus ist nach wie vor zeitgemäß. Denn mit Blick auf die Kapitalarten wird einmal mehr offensichtlich, wie profan die neoliberale Logik des „Jede*r kann alles schaffen, wenn er/sie sich nur genug anstrengt“ oder „Manifestiere deine Ziele und you can do it“ doch ist. Sicher ist immer alles möglich, aber diejenigen mit „wenig Kapital“ haben definitiv andere Ausgangsbedingungen als solche mit einem hohen sozialen Habitus.

Fazit – Ist es wirklich Schicksal?

Inwieweit kann unser Leben eigentlich vom Schicksal geleitet sein, wenn die unterschiedlichen sozialen Milieus einander oft erst gar nicht begegnen, wenn wir eher da bleiben, wo wir herkommen? Menschen sind auf jeden Fall in der Lage, ihren Habitus zu verändern, wobei sich die sozial erlernte Rolle sicher nie ganz über Bord werfen lässt. Denn hier haben Gefühle wie Angst vor Ausschluss, Scham oder Loyalität einen großen Einfluss. Da viele Menschen altbekannte Muster bevorzugen, suchen sie unbewusst nach den bestehenden, Habitus bestärkenden Umständen oder Erlebnissen. Die Kapitalausstattung beeinflusst immer in gewisser Weise unser berufliches Wirken. Das wird mir in meinen Supervisions- und Coachingprozessen immer wieder bewusst. Denn letztlich ist der soziale Habitus von Personen so wirkmächtig, dass oftmals von Berufung die Rede ist, wenn der Habitus und die Lebensverhältnisse sich decken, wenn sich die sozialen Akteure also so weit an die ihnen im Feld gebotenen Lebenschancen angepasst bzw. sich mit diesen abgefunden haben, dass ihre eigene Zukunft vorhersagbar wird. Sie denken dann, es sei ihr Schicksal, genau diesen Beruf (nicht selten den der Eltern) gewählt zu haben. Aber ist es das?