Warum das mein Thema ist

Ost und West – immer noch? Warum beschäftigt uns diese Thematik über 36 Jahre nach der Wiedervereinigung? Und was hat das mit meiner Arbeit zu tun? Das möchte ich in diesem Impuls erklären.

Ich bin Wendekind, 1989 in Magdeburg geboren und in der Magdeburger Börde aufgewachsen. Seit 2012 lebe ich in Westdeutschland und gehöre als ostdeutsche Frau in einer Führungsposition in einem westdeutschen Unternehmen zu einer absoluten Minderheit.

Als Supervisorin und Coach bin ich mit der Deutschen Gesellschaft für Supervision und Coaching e. V. (DGSv) in einem Berufsverband aktiv, der überwiegend westdeutsch geprägt ist. Auch in diesem Kontext treffe ich auf Menschen, die – obwohl sie sehr reflektiert und sensibilisiert sind in Bezug auf Diskriminierung und Rassismus – trotzdem sehr verfestigte Vorurteile gegenüber Ostdeutschen artikulieren.

Zwischen Vorurteilen und eindeutigen Fakten

Wer aus Ostdeutschland kommt, erklärt sich noch immer, muss sich rechtfertigen und heute mehr denn je unter Beweis stellen, weder ungebildet noch rechts noch undankbar zu sein. Das ist kein persönliches Problem, das ist ein strukturelles. Das ist meine Realität und die vieler Ostdeutscher. Sie schärft meinen Blick dafür, woran wir in diesem Land noch arbeiten müssen. Wer Ostdeutsche pauschal für den Zustand der Demokratie verantwortlich macht, hat sich mit den strukturellen Ursachen noch nicht ernsthaft auseinandergesetzt.

Es lohnt ein Blick auf die Fakten: Geringere Gehälter, kaum Vermögen vor und auch nach 1990, deutliche Unterrepräsentation in Führungspositionen. Die Zufriedenheit damit, wie Demokratie praktisch funktioniert, ist im Osten niedriger. Das ist etwas anderes als mangelnde Demokratiezustimmung. Die Zustimmung zur Demokratie ist laut Autoritarismus-Studie 2024 in Ostdeutschland sogar höher. Wer diesen Unterschied nicht sieht, pauschalisiert. Und wer strukturelle Ungleichheiten als Jammern abtut, vertieft die Spaltung, statt sie zu überwinden.

Was das mit Supervision und Beratung zu tun hat

Supervision hat den Auftrag, Reflexionsräume zu öffnen, in denen Menschen mit ihrer Vielfalt an Haltungen und Erfahrungen gehört und gesehen werden. Wenn ostdeutsche Supervisor*innen in der DGSv deutlich unterrepräsentiert sind, fehlen Perspektiven, die für unsere Arbeit wesentlich sind.

Dabei bringen Menschen mit Ostbiographie etwas mit, das in der aktuellen Arbeitswelt gefragter ist denn je: Transformationskompetenz. Sie kennen radikalen Systemwechsel, sozialen Abstieg, das Gefühl, nicht gefragt worden zu sein. Genau diese Erfahrungen sind hochrelevant für Beratungsprozesse in Organisationen, die sich gerade mitten in Veränderung befinden.

Das war der Ausgangspunkt für meinen Workshop beim DGSv Verbandsforum: „Ost und West – immer noch? Unterschiedliche Erfahrungsräume. Gemeinsame Verantwortung.“

Ich spürte meine eigenen Widerstände in der Vorbereitung. Will ich dieses Thema wirklich besetzen? Ist es nicht auch mal gut gewesen?

Die Resonanz der Teilnehmenden und die gemeinsame Denkarbeit haben mir gezeigt: Nein, es ist nicht gut gewesen. Wir fragten: Was bricht gerade weg, was entsteht? Wie können wir aus unterschiedlichen Erfahrungsräumen heraus Transformation in Deutschland gemeinsam gestalten? Was braucht es, um unsere Geschichte als Ressource zu nutzen? Es war ein wertschätzender, respektvoller Prozess, der gezeigt hat, wie viel möglich ist, wenn man sich wirklich begegnet.

Was ich mir für die Zukunft dieses Landes wünsche

Ich erlebe zunehmend Menschen meiner Generation, die fragen: Warum sind wir noch immer gespalten? Was können wir tun? Das stimmt mich zuversichtlich. Es braucht Räume, in denen diese Fragen ernsthaft gestellt werden – in Organisationen, in Verbänden, in Politik und Gesellschaft, in der Supervision.

Ich sehe mich als Botschafterin für Ostdeutschland, weil ich überzeugt bin, dass dieses Land reicher wird, wenn mehr ostdeutsche Perspektiven in seinen Diskursen vorkommen. Wir haben das gesamtdeutsche Potential noch längst nicht ausgeschöpft, aber genau dieses brauchen wir, um uns den Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam zu stellen.