Europäischer Austausch vom 18. bis 23. August in München
Vom 18. bis 23. August 2025 hatte ich die Möglichkeit, an der ANSE International Summer University for Supervision and Coaching teilzunehmen. Die Summer University, initiiert von der „Association of National Organisations for Supervision in Europe“ (ANSE), findet alle zwei Jahre in einem anderen europäischen Land statt. Gastgeber in diesem Jahr war Deutschland. Die Veranstaltung wurde federführend von der DGSv (Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching) organisiert und fand an der Katholischen Stiftungshochschule München statt.
Ich war zum ersten Mal dabei und konnte viele wertvolle Erfahrungen für meine Arbeit als Supervisorin und Coach sowie inspirierende Momente für mich als Mensch sammeln.
An Ocean of Possibility – Supervision between Thougt and Action
An Ocean of Possibility – Supervision between Thought and Action“ war das Motto der ANSE International Summer University – und genau so habe ich es vom ersten Tag an erlebt. Zwischen bereichernden Keynotes und tiefgehenden Selbsterfahrungen in den Workshops eröffnete sich ein Ozean an Möglichkeiten: mit rund 200 Menschen aus unterschiedlichen europäischen Ländern in Kontakt zu treten, voneinander zu lernen und einander zu inspirieren. Als Ozean an Möglichkeiten habe ich auch empfunden, was es bedeutet, sich als Europäerin zu fühlen, sich zu vernetzen, Methoden zu teilen und nebenbei das eigene professionelle Profil zu schärfen.
Ein weiterer Meilenstein auf meinem persönlichen und professionellen Weg
Schon seit Längerem wird mir bewusst, dass sich meine persönlichen und beruflichen Puzzle-Teile allmählich zu einem größeren Bild zusammenfügen. Mit der ANSE SU ist ein weiteres Stück dazugekommen. Denn ich habe dort nicht nur viele Gleichgesinnte getroffen, sondern auch noch klarer erkannt, wo ich herkomme – und wohin ich möchte.
Mit folgenden Worten wurde die Veranstaltung angekündigt:
„Zwischen dem Denken und dem Tun liegt das Meer. Supervision bewegt sich im Spannungsfeld zwischen den großen Themen – Werte, Haltung, Macht, Transformation, Demokratie, Diversity usw. – und dem praktischen Handwerkszeug im Alltag – Auftragsklärung, Arbeitsbeziehung, Kommunikation, Intervention, Kontrakt, Honorar. Als Supervisor*innen denken wir über die Welt, über die Gesellschaft, über Organisationen, Rollen, Menschen nach. Und wir tun unsere Arbeit ganz praktisch, indem wir versuchen, nützliche Interventionen für unsere Supervisand*innen und unsere Auftraggeber*innen zu entwickeln und einzusetzen. Dazwischen, zwischen dem Denken und dem Tun, liegt ein wahrer Ozean.“
Ich fühlte mich durch dieses Statement abgeholt in dem, was mir beruflich wichtig ist: eine Arbeit zu tun, die Menschen, Teams und Organisationen unterstützt – und zugleich immer auch die gesellschaftspolitische Dimension im Blick behält. In der Praxis der Summer University 2025 haben wir uns dann bewegt zwischen den großen Fragen nach unserer Rolle in der Gesellschaft, bevorstehenden Aufgaben in Organisationen und zukünftigen Herausforderungen für die Beratungstätigkeit – und vor allem zwischen unterschiedlichen soziokulturellen Perspektiven.
Die Keynotes rund um die gesellschaftliche Zukunft und die Zukunft von Beratung
Jeder Workshop-Tag der Summer University 2025 begann mit einer Keynote von verschiedenen Expert*innen – und jede einzelne hat mich auf ihre eigene Weise angeregt und inspiriert.
Von Katrina Günther und ihrer Präsentation „Futures with an ‘s’!“ nehme ich mit, dass es nicht die eine festgelegte Zukunft gibt, sondern viele verschiedene „Zukünfte“, die es zu gestalten gilt. Wir haben mehr Einfluss, als wir oft denken. „Was macht uns als Supervisor*innen und Coaches oder auch als Führungskraft zukunftsfähig bzw. kompetent, wie können wir verschiedene Arten von Zukunft imaginieren?“ ist eine Frage, die mich in meiner beruflichen Praxis begleiten wird.
Dr. Vanessa Mai hielt die Keynote „Navigating the Future: Exploring the Potential and Challenges of AI-based Coaching and Supervision“. Besonders wichtig fand ich ihre Differenzierung zwischen „AI in Coaching“ und „AI-Coaching“. Einerseits: wo kann KI im Zusammenhang mit Coaching genutzt werden, z. B. bei der Suche nach dem passenden Coach oder zur Bedarfs- bzw. Auftragsklärung. Andererseits: in wie weit kann KI einen Coach oder auch Therapeuten ersetzen? Was sind die Gefahren?
Ich hatte das Gefühl, das Thema hat viele emotionale Diskussionen ausgelöst. Mein Resümee des Vortrags: Als Supervisor*innen und Coaches müssen wir uns mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzen. Daran führt kein Weg vorbei. Wir sollten dem Thema offen, aber kritisch begegnen und – das ist das Entscheidende – die Entwicklung von Anfang an verantwortlich mitprägen.
Der Vortrag „The Rise of the Adaptive Society“ hat mir Mut gemacht – obwohl er uns sehr klar auf den Boden der Tatsachen geholt hat. Prof. Dr. Philipp Staab hat uns mit harten Fakten konfrontiert, aber es dabei gleichzeitig geschafft, auf eine persönliche und empathische Weise zu empowern. „Adaptive Society“ ist die Gesellschaft, die wir in künftig sein werden (müssen) und Resilienz eine entscheidende Ressource hierfür.
Die Keynote „Supervision in the Context of Migration and Racism“ von Zeynep Demir hat bei mir emotional sehr viel ausgelöst. Es gibt in unseren Beratungsprozessen immer wieder blinde Flecken, derer wir uns bewusst werden müssen. Besonders berührt hat mich der auf die Keynote folgende Kommentar meiner Kollegin Sümeyra, die eigene diskriminierende Erfahrungen schilderte. Das führte nicht nur dazu, dass ich kurz weinen musste, sondern auch dazu, dass wir uns kennenlernten und uns anfreundeten.
Alle Keynotes haben mir einmal mehr gezeigt, wie unvermeidlich es ist, gesellschaftliche Entwicklungen und unterschiedliche Perspektiven in den eigenen professionellen Kontext einzubeziehen.
Inspirierende Workshops – passend zu meinen aktuellen Themen
Auch die Workshops der ANSE Summer University 2025 boten ein breites Spektrum an methodischen Zugängen und individuellen Reflexionsräumen.
Im Workshop von Dr. Jean-Paul Munsch (Schweiz) „The Trinity of Body, Heart and Mind – Structured Embodiment with Mini-Constellation“ war ich anfangs skeptisch. Es wirkte zu abstrakt. Doch als ich mit meiner Partnerin in die Übung einstieg, entstand ein konkreter Zugang zur Körperarbeit in Supervision und Coaching. Nebenbei habe ich realisiert, dass ich auch auf Englisch oder Französisch supervidieren kann, was mir bisher unmöglich schien.
Irina Mazurika (Lettland) leitete den Workshop „Shadows and Lights of a Supervisor. How to acknowledge personal limitations and turn them into resources in supervision“. Im Zentrum die Frage: Was ist dein Schatten – und wie kannst du ihn in deiner professionellen Praxis als Ressource nutzen? Eine spannende Einladung zur Selbstreflexion, der ich noch weiter nachspüren werde.
Im Workshop von Liga Paulina (Lettland) und Eveli Karner (Estland) „Bend, Don’t Break: Exploring the Resilience and Resistance – Dive into the ocean of possibilities, where resistance and resilience coexist in the face of unpredictable circumstances“ war vor allem der Austausch in der Gruppe wertvoll. Wir alle hatten unterschiedliche Sichtweisen auf „Resiliance and Resistance“.
Fabio Lesuisse (Belgien) hat mich in „The Power of Voice, Breath & Presence: Creating lasting connections and amplifying impact through authentic expression and resonance“ mit seiner enormen Präsenz beeindruckt. Drei interessante Erkenntnisse aus dem Workshop: Alles beginnt beim richtigen Atem. Die Stimme will genauso wie der Körper aufgewärmt werden. Unsere Stimme klingt in einer anderen Sprache oft ganz anders.
In dem Workshop „You always have a choice, haven’t you? About an ocean of things to do and what is worth it“ von Sietske Jans-Kuperus (Niederlande) hatte ich einen tiefgehenden Austausch mit meiner wunderbaren Kollegin Leona Petereit über unser „Wheel of Life“ und die ersichtlich gewordenen Herausforderungen, verschiedene Lebensbereiche, Rollen und Projekte in Einklang zu bringen. Die Themen der Menschen, mit denen wir arbeiten, lassen sich eben gut an uns selbst beobachten.
Mein Fazit: So reich an professionellen Erfahrungen und zwischenmenschlichen Begegnungen
Nach all den intensiven professionellen Erfahrungen und zwischenmenschlichen Begegnungen bin ich mit angereichertem Geist und vollem Herzen zurückgekehrt in meinen Alltag. Es waren vor allem Begegnungen mit meinen europäischen Kolleg*innen, die mir neue Perspektiven eröffnet und mich wachsen lassen haben. Besonders in meiner Homegroup mit beeindruckenden Frauen aus Deutschland, den Niederlanden, Lettland, Litauen, Schweden du Ungarn ist viel in mir in Bewegung geraten, was wir in weiterem fachlichen Austausch fortsetzen werden.
Ich bin zutiefst dankbar für diese großartige Erfahrung, die ich bisher so ähnlich nur beim Pilgern gemacht habe, und kann anderen Supervisor*innen und Coaches nur empfehlen, an der Summer University der ANSE teilzunehmen. Nur wenn wir uns hinaus in die Welt begeben, können wir sie auch verstehen.