Viele Menschen schauen nach innen

In letzter Zeit begleitet mich eine Frage: Wann hat das innere Kind endlich seine Heimat gefunden? Viele Menschen setzen sich mehr mit der eigenen Psyche und den eigenen Prägungen auseinander. Wir leben in einer Zeit, in der das Nach-Innen-Schauen salonfähig geworden ist. Podcasts, Bücher, Workshops rund um unsere Kindheit, Bindungstraumata und Beziehungsunfähigkeit gibt es in breiter Fülle. Jede*r kennt vermutlich das Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“. Ich selbst habe es gelesen, nachdem ich mich bereits über Jahre mit den Erlebnissen meiner Vergangenheit auseinandergesetzt hatte. Mir hat es nicht geholfen, denn ich wollte mich nicht mehr um mein inneres Kind, sondern um mein erwachsenes Ich kümmern. Aber das ist eine völlig subjektive Perspektive.

Was macht das Nach-Innen-Schauen mit uns?

Grundsätzlich ist es gut, dass wir uns so intensiv mit den eigenen Themen auseinandersetzen. Es zeigt, dass wir als Gesellschaft emotional bewusster und reflektierter geworden sind. Und doch frage ich mich manchmal: Sind wir nicht ein Stück weit zu sehr bei uns selbst gelandet und dort irgendwie steckengeblieben?

Gerade in meiner eigenen Generation erlebe ich oft, wie Menschen in Grübelschleifen verharren. Immer wieder geht es um Verletzungen durch die Eltern oder andere Bezugspersonen, um falsche Prägungen oder andere emotionale Altlasten. Viele tun sich schwer damit, echte Beziehungen einzugehen – ob auf freundschaftlicher oder amouröser Ebene. Es ist so, als müsse man erst „komplett geheilt“ sein, bevor ein erfülltes Leben oder gelingende Beziehungen überhaupt möglich sind. Und dabei sind gerade Beziehungen so essentiell. Von Verena König habe ich den Satz gelernt: „Trauma geschieht in Beziehung und Trauma heilt in Beziehung“. Manche Ereignisse und traumatische Erlebnisse sind unverzeihlich und können vielleicht nie überwunden werden. Das ist klar. Mir steht auch nicht zu, darüber zu urteilen.

Was können wir tun, nachdem wir mehr verstanden haben?

Die Erfahrungen unserer Kindheit – ob bewusst oder unbewusst – prägen unser Denken, Fühlen und Handeln oft über Jahrzehnte. Wahrscheinlich kommen wir nie ganz davon los. Jede Form der inneren Arbeit beginnt mit einem ehrlichen Blick zurück. Auch mein eigener Weg hat dort begonnen. Ich weiß, wie wichtig es ist, alte Wunden zu erkennen, anzunehmen und gegebenenfalls aufzulösen. Aber als ich festgestellt hatte, dass ich nicht weiterkomme, sich Dinge wiederholen, ich mir meiner sogenannten „Trigger“ bewusst war, habe ich mich gefragt: Und jetzt, was machst du jetzt?

Meine Hypothese ist: Wenn ich mich durch den eigenen Reflexionsprozess hindurchgearbeitet habe, wenn ich verstanden habe, was war, dann kann ich nach vorne schauen und mein Leben heute in die Hand nehmen. Ich habe die Möglichkeit, meine Geschichte neu zu schreiben, ohne für immer in den Prägungen meiner Kindheit gefangen zu bleiben. Das verstehe ich unter Eigenverantwortung. Es kann ein Schlüssel sein zu mehr Resilienz.

Brauchen wir mehr Resilienz?

Resilienz bedeutet nicht, unverwundbar zu sein. Es bedeutet, widerstandsfähig zu sein und die Fähigkeit zu entwickeln, mit dem, was war, leben zu können und trotzdem kraftvoll weiterzugehen. Das innere Kind mag seine Heimat vielleicht nie ganz finden. Aber ich als erwachsener Mensch kann lernen, ihm einen sicheren Ort in mir selbst zu geben.

Meine Arbeit als Supervisorin und Coach

In meiner Arbeit als Supervisorin und Coach arbeite ich ressourcenorientiert. Ich begleite Menschen dabei, ihre Erfahrungen anzunehmen und zu integrieren und gleichzeitig den Blick auf die eigenen Stärken zu richten. Mein Fokus liegt auf der Entwicklung von Potenzialen und eigenverantwortlichem Handeln.

Dabei ist mir wichtig zu betonen: Ich arbeite ausschließlich mit Menschen im beruflichen Kontext, bei denen kein therapeutischer Bedarf besteht. Meine Begleitung ersetzt keine Therapie, sondern unterstützt Menschen und Teams darin, ihre eigene Kraft (wieder) zu entdecken.

Wir schauen auf das, was trägt. Auf das, was gelingen soll und kann. Ich begleite Menschen, die psychisch gesund sind, aber sich weiterentwickeln möchten – in ihrer Rolle, in ihrer Kommunikation, in ihrer Selbstführung. Es geht um Klarheit, Selbstreflexion und darum, in die eigene Kraft zu kommen.